- G.U.B. Analyse Portal - https://www.gub-analyse.de -

P&R wird endgültig zum Super-GAU

Im Debakel um den Container-Anbieter P&R sind nun auch Anlagen betroffen, deren Prospekte erst kürzlich von der BaFin gebilligt wurden. Der Löwer-Kommentar

[1]“Der Reflex, die BaFin habe ‘versagt’, wird in den nächsten Tagen und Wochen mit Sicherheit allerorten zu hören sein.”

Am Freitag meldete die Kanzlei Jaffé, dass zwei weitere Gesellschaften der P&R-Gruppe Insolvenz angemeldet haben: Die P&R Transport-Container GmbH sowie die Dach- und Verwaltungsgesellschaft P&R AG. Die Kanzlei stellt für alle Unternehmen die vorläufigen Insolvenzverwalter.

Nicht wenige werden nun mit der Schulter zucken: War ja abzusehen und ändert nicht viel. Doch ganz so einfach ist die Sache nicht. Denn die Causa P&R wird dadurch endgültig zum Super-GAU für die Sachwertbranche – aus zwei Gründen.

Erstens verwaltet die P&R Transport-Container GmbH nach Auskunft der Insolvenzverwalter immerhin Investitionen für 14.900 Anleger. Da 95 Prozent davon auch bei den bereits zuvor insolventen Unternehmen engagiert sind, steigt die von Jaffé genannte Zahl der insgesamt betroffenen Anleger zwar „nur“ auf etwa 54.000, aber das ist ohnehin eine gewaltige Zahl und das nun neu betroffene Anlagevolumen ist beträchtlich.

Doppelt so viel wie S&K

Allein 2017 hat die P&R Transport-Container GmbH nach der Meldung für die Cash.-Hitliste Container für rund 390 Millionen Euro an Privatanleger verkauft. Bis zum Vertriebsstopp am 8. März 2018 dürften weitere 50 bis 100 Millionen Euro hinzugekommen sein, insgesamt also bald eine halbe Milliarde Euro.

Allein das neu betroffene Anlagevolumen bei P&R übersteigt damit die kolportierte Schadenssumme zum Beispiel des S&K-Skandals um rund das Doppelte. Zudem haben die nun betroffenen Anleger – anders als bei den vorherigen P&R-Insolvenzen – nur über eine kurze Zeit oder noch gar keine Mietzahlungen erhalten. Somit steht wohl fast das gesamte Anlagevolumen im Feuer.

Zweitens – und das ist das Entscheidende – sind nun auch Anlagen betroffen, deren Prospekte noch bis in das Jahr 2018 hinein von der Finanzaufsicht BaFin gebilligt wurden. Das Debakel erreicht dadurch eine neue Dimension.

Seite 2: Auswirkung für gesamte Branche [2]

Das wird sich auf die gesamte Branche auswirken, an erster Stelle im Segment der Emissionen nach dem Vermögensanlagengesetz. Sie werden nicht länger damit abwiegeln können können, dass bei P&R nur die “unregulierten” Produkte betroffen sind, mit der Prospektpflicht seit 2016 sowieso alles besser geworden ist und hinter der BaFin-Billigung weit mehr stehe als nur eine formale Prüfung.

Letzteres dürfen sie zwar ohnehin nicht behaupten, aber auch mit diesem Argument hatten die Vermögensanlagen zuletzt deutliche Fortschritte dabei gemacht, dem Image des „grauen Kapitalmarkts“ zu entrücken. Damit ist es nun wohl erst einmal vorbei. Zudem steht zu befürchten, dass die BaFin noch penibler bei der Billigung neuer Vermögensanlagenprospekte wird, als sie ohnehin schon ist.

Doch auch das Segment der alternativen Investmentfonds (AIFs) wird wohl nicht ungeschoren davon gekommen. Zwar können die Kapitalverwaltungsgesellschaften (KVGen) darauf herumreiten, dass eben doch nur eine Voll-Regulierung und echte Aufsicht durch die BaFin weiter hilft.

BaFin bleibt BaFin

Ob dieses Argument aber tatsächlich zieht, bleibt zu bezweifeln. Die KVGen selbst werden zwar – anders als die Anbieter von Vermögensanlagen – von der Behörde beaufsichtigt und müssen unzählige Organisations- und Verhaltensvorschriften beachten. Aber BaFin bleibt BaFin und wenn ihre Kontrolle hier nicht gefruchtet hat, dann vielleicht dort auch nicht.

Zudem führt die Behörde auch bei den AIF-Prospekten nur eine formale Prüfung durch, die nach eigenen Angaben sogar hinter der Intensität bei Vermögensanlagen-Prospekten zurückbleibt. So wird wohl auch bei AIFs erneut die Frage gestellt werden, ob die Regulierung ausreicht.

Die meisten Prügel wird wahrscheinlich die BaFin einstecken müssen – ob zu recht oder zu unrecht, sei dahin gestellt. Doch auch der Druck auf die Anbieter, Produkte und Vertriebe wird erneut zunehmen. Darauf lässt schon die kleine Anfrage zu P&R schließen, die in der vergangenen Woche von der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen an die Bundesregierung gestellt wurde.

Seite 3: Verpflichtendes Tragfähigkeitsgutachten? [3]

Die Anfrage erfolgte zwar vor der neuerlichen Insolvenzmeldung, doch schon da fragten die Grünen nicht nur zum Beispiel nach den Vertriebswegen von P&R, den Prospekten und den Maßnahmen der BaFin. Sie wollen unter anderem auch wissen, was die Bundesregierung von dem Vorschlag hält, “Tragfähigkeitsgutachten bei solchen Anlagesummen wie bei P&R verpflichtend einzuführen”.

Schon die Fragestellung lässt auf die weit verbreitete Überzeugung schließen, dass mehr Kontrolle auch mehr Sicherheit bedeutet. Das jedoch ist nicht der Fall. Eher das Gegenteil.

Ein solches Gutachten oder andere Kontrollen erhöhen zwar nicht das Risiko der Anlage. Aber sie verändern die Erwartungshaltung der Anleger. Je mehr von staatlicher Seite und im gesetzlichen Rahmen geprüft und kontrolliert wird, desto weniger werden die Anleger damit rechnen, dass Risiken tatsächlich eintreten können – so deutlich sie auch genannt werden.

Höhere Sicherheit suggeriert

Die Anleger werden glauben, sie können sich auf die Prüfer „verlassen“, was auch immer das heißen soll. Meistens wird damit die Erwartung verbunden sein, dass die Kapitalanlage funktionieren wird. Das jedoch könnten selbst 20 Gutachten nicht leisten. Sie können allenfalls bestätigen, ob die Sache funktionieren kann und vielleicht auf bestimmte Risiken hinweisen.

Das ändert jedoch nichts daran, dass diese oder andere Risiken im Einzelfall trotzdem zum Tragen kommen können. Die Kontrollen und Gutachten bewirken damit letztlich genau das, was gerade linke Politiker und Verbraucherschützer sonst dem Vertrieb regelmäßig vorwerfen: Sie suggerieren eine höhere Sicherheit als die Anlage hergibt und verharmlosen – ungewollt – die Risiken.

Der Reflex, die BaFin habe „versagt“, wird in den nächsten Tagen und Wochen mit Sicherheit allerorten zu hören sein. Das belegt, dass schon die formale Prospektprüfung der Behörde einen solchen Effekt hat. Noch mehr Kontrollen und noch mehr Bürokratie würden den Irrglauben an staatlich kontrollierte Sicherheit weiter verstärken, unternehmerische Risiken reduzieren können sie hingegen nicht.

Ändern allerdings wird diese Erkenntnis wahrscheinlich wenig.

Stefan Löwer ist Chefanalyst von G.U.B. Analyse und betreut das Ressort Sachwertanlagen in dem Kapitalanlage-Magazin „Cash.“. Er beobachtet den Markt der Sachwert-Emissionen als Cash.-Redakteur und G.U.B.-Analyst insgesamt schon seit mehr als 25 Jahren. G.U.B. Analyse gehört wie Cash. zu der Cash.Medien AG.

Foto: Florian Sonntag