- G.U.B. Analyse Portal - https://www.gub-analyse.de -

P&R: Schlimmer geht’s nimmer

Der Skandal um den Containeranbieter P&R erreicht ein Ausmaß, das alle vorherigen Befürchtungen bei Weitem übertrifft. Der Löwer-Kommentar

[1]„Das schlägt dem Fass nun wirklich den Boden aus.“

GAU ist die Abkürzung für „größter anzunehmender Unfall“ und stammt ursprünglich aus dem Bereich der Kernkraftwerke. Ein Super-GAU ist demnach eine Havarie, die vollkommen außer Kontrolle geraten ist.

„P&R wird endgültig zum Super-GAU“: So war der Löwer-Kommentar vom 30. April überschrieben. Gerade hatten nach den ersten drei auch die beiden verbliebenen deutschen Gesellschaften des Container-Anbieters P&R aus Grünwald Insolvenz angemeldet, eine davon die P&R Transport-Container GmbH.

Sie war eigens für die Emissionen ab 2017 gegründet worden, die – anders als die vorherigen – der gesetzlichen Prospektpflicht nach dem Vermögensanlagengesetz unterlagen; die Prospekte waren noch bis Anfang 2018 von der Finanzaufsicht BaFin geprüft und gebilligt worden.

Eine Million Container fehlen

Damit war auch die Hoffnung dahin, dass die staatliche Kontrolle irgendeinen positiven Effekt hat – mit entsprechenden (Image-) Auswirkungen für die gesamte Branche der Vermögensanlagen. Streng genommen war das jedoch noch die Kategorie GAU. Aber viel schlimmer kann es eigentlich kaum kommen, so die Einschätzung vor drei Wochen.

Doch, es kann: Am Donnerstag vor Pfingsten teilte der vorläufige Insolvenzverwalter mit, dass von den 1,6 Millionen Containern, die den Anlegern eigentlich gehören müssten, nur etwa 600.000 überhaupt vorhanden sind. Es gibt also rund eine Million Phantom-Container – fast zwei Drittel des vermeintlichen Bestands.

Und das nicht erst seit gestern. Vielmehr begann die Fehlentwicklung laut der Stellungnahme des Insolvenzverwalters schon vor mehr als zehn Jahren. Bereits im Jahr 2010 fehlten demnach rund 600.000 Container. Das schlägt dem Fass nun wirklich den Boden aus.

Seite 2: Das Ganze hatte wohl System [2]

Nun war schon zuvor darüber spekuliert worden, dass vielleicht nicht mehr alle Container vorhanden sein könnten. Das lag nahe, weil schon laut dem ersten Bericht der Insolvenzverwalter trotz fallender Weltmarktpreise insbesondere in den Jahren 2016 und 2017 Container verkauft worden waren, „um die Mieten zu zahlen und Rückkäufe zu tätigen“. Zudem waren weniger als zehn Prozent der Anleger konkrete Boxen persönlich zugeordnet worden.

Das ließ befürchten, dass P&R vielleicht – schlimm genug – neben dem eigenen Reservebestand eine gewisse Anzahl der vorhandenen Anleger-Container in der Hoffnung vorzeitig verkauft hatte, auf diese Weise die Marktschwäche 2016 bis Anfang 2017 überbrücken zu können.

Die nun veröffentlichten Informationen hingegen haben eine völlig andere Qualität. Sie lassen nur einen Schluss zu: Das Ganze hatte System. Das lässt nicht nur das Ausmaß des Fehlbestands vermuten, sondern auch die Dauer des Zustands von mehr als zehn Jahren.

Ermittlungsverfahren eingeleitet

Angesichts der Zahlen ist kaum vorstellbar, dass den Anlegern nicht systematisch und in großem Stil auch Container verkauft wurden, die nie existiert haben.

Ob das zutrifft, wer davon wusste und wer dafür verantwortlich ist, wird nun die Staatsanwaltschaft München I klären. Sie teilte ebenfalls am Donnerstag mit, dass sie am 11. Mai ein Ermittlungsverfahren gegen frühere und heutige Geschäftsführer der P&R-Gruppe unter anderem wegen des Verdachtes des Betruges eingeleitet hat. Dafür sei eigens eine Arbeitsgruppe “Container” gebildet worden.

Zuvor waren nur Vorermittlungen bekannt geworden, die – anders als es zunächst den Anschein hatte – nicht erst kürzlich, sondern bereits am 21. März unmittelbar nach den ersten drei Insolvenzanträgen aufgenommen worden waren.

Seite 3: Schon jetzt zwei Milliarden Euro weg [3]

Für Anleger und die Branche insgesamt ist die strafrechtliche Aufarbeitung des Falls indes zweitrangig. Bereits jetzt ist der Schaden exorbitant. Allein durch den gewaltigen Fehlbestand an Containern sind fast zwei Drittel der Investitionen verloren. Das entspricht einer Größenordnung von zwei Milliarden Euro – ein enormes Volumen.

Hinzu kommen die Kosten des wahrscheinlich langwierigen Insolvenzverfahrens und die unsichere Verwertung des noch vorhandenen Containerbestands. Er wird von einem P&R-Unternehmen in der Schweiz verwaltet, das formal nur über den P&R-Gründer Heinz Roth als natürliche Person mit den deutschen Unternehmen verbunden war.

Selbst wenn es dem dort nun als Verwaltungsrat eingesetzten Wirtschaftsprüfer gelingt, den Geschäftsbetrieb in der Schweiz aufrecht zu erhalten und die in der Mitteilung der Insolvenzverwaltung etwas nebulöse „Verwertung eines eigenen Vermögens der Schweizer Gesellschaft“ ein nennenswertes Ergebnis bringen sollte, werden die Anleger wohl allenfalls einen sehr kleinen Teil ihres Geldes wiedersehen.

Sachwertanlagen ohne Sachwerte

Aus Branchensicht ist das aber noch nicht einmal das Schlimmste. Pleiten gibt es schließlich immer mal wieder, auch wenn diese ein gewaltiges Ausmaß hat. Doch das entscheidende Argument für jede Sachwertanlage ist der Sachwert, und P&R belegte über viele Jahre den ersten Platz nicht nur bei den Containern, sondern in der gesamten Cash.-Hitliste der Sachwertanbieter.

Nun stellt sich heraus: Bei dem langjährigen Marktführer der Sachwertanlagen hat ein Großteil der vermeintlichen Sachwerte vermutlich niemals existiert. Das ist fast noch mehr als ein Super-GAU.

Stefan Löwer ist Chefanalyst von G.U.B. Analyse und betreut das Cash.-Ressort Sachwertanlagen. Er beobachtet den Markt der Sachwert-Emissionen als Cash.-Redakteur und G.U.B.-Analyst insgesamt schon seit mehr als 25 Jahren. G.U.B. Analyse gehört wie Cash. zu der Cash.Medien AG.

Foto: Florian Sonntag