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MiFID II: Eine leicht getrübte Selbst-Wahrnehmung

Für die neueste Ausgabe hat Cash. sich in der Sachwertbranche umgehört, wie die Umstellung auf die EU-Finanzmarktrichtlinie MiFID II gelaufen ist – mit einigen überraschenden Ergebnissen. Der Löwer-Kommentar

[1]„Spätestens nach der überfälligen Neufassung der FinVermV für die 34f-Vermittler müssen die Unterlagen und Einstufungen der Anbieter ’sitzen‘, also ohne weitere Anpassungen verwendbar sein.“

Mit dem Start der zweiten Auflage der „Markets in Financial Instruments Directive“ (MiFID II) am 3. Januar hat sich auch für Sachwertanlagen in Form von alternativen Investmentfonds (AIFs) und Emissionen nach dem Vermögenanlagengesetz der rechtliche Rahmen für den Vertrieb komplett geändert, zunächst für Banken und Finanzdienstleistungsinstitute mit Zulassung nach dem Kreditwesengesetz (KWG).

Demnach sind künftig unter anderem für jedes Produkt eine standardisierte „Zielmarktbestimmung“ mit Risikoklassifizierung und eine detailliertere Aufklärung über die Kosten erforderlich.

Mit Spannung erwartet wurde insofern auch, wie die neuen Unterlagen aussehen. Schließlich mussten die Anbieter, die ihre Emissionen über den Stichtag hinaus im KWG-Vertrieb fortsetzen wollten, ihr Vertriebsmaterial komplett überarbeiten. Wirklich? Von wegen.

Unterlagen unverändert

Die Websites der Anbieter, die Prospekte sowie die gesetzlich vorgeschriebenen Dreiseiter „wesentliche Anlegerinformationen“ (wAI) sind auch Wochen nach dem Startschuss der MiFID II durchweg unverändert. Die Online-Suche nach den neuen Zielmarktdefinitionen und Risikoklassifizierungen führt ins Nichts.

Nach den Erläuterungen der von Cash. befragten Anbieter spielt sich beides lediglich zwischen Vertrieb und Anbieter ab. Auch die neuen Kosteninformationen finden sich durchweg nicht online. Sie werden für jeden Einzelfall anhand der individuellen Zeichnungssumme und der konkreten Provision berechnet, so jedenfalls die Auskunft der KVGen.

Ein öffentlicher Vergleich der verschiedenen Berechnungen und Einstufungen ist insofern nicht ohne weiteres möglich. Auch das wird vermutlich den Prozess in Richtung einer Vereinheitlichung nicht eben beschleunigen.

Seite 2: Problem Risikoklassifizierung

Denn daran scheint es noch zu hapern. Das betrifft vor allem die Risikoklassifizierung. Hierzu greifen die meisten KVGen weiterhin auf die Risikomatrix des ehemaligen Sachwerteverbands BSI (seit Anfang 2018 Teil des Immobilienverbands ZIA) zurück, nach der die Fonds hauptsächlich nach verbalen Kriterien in eine von fünf Klassen eingestuft werden.

Sie halten das für ausreichend, weil die EU-Verordnung für „verpackte“ Anlageprodukte (PRIIPs) bei AIFs erst Anfang 2020 in Kraft tritt. Diese schreibt eine siebenstufige Skala vor, auf der die geschlossenen Konzepte nach heutigem Stand durchweg in der zweithöchsten Klasse sechs einzustufen wären.

So versuchen die Anbieter, das Unheil aufzuschieben und wähnen sich damit auf einem guten Weg. Unisono beteuern die von Cash. befragten KVGen, dass der Übergang zur MiFID II weitgehend reibungslos vollzogen wurde.

Vertrieb weit weniger euphorisch

Weit weniger euphorisch klingen da die Stimmen aus dem Vertrieb. So bezeichnet Christian Hammer, Geschäftsführer der NFS Netfonds Financial Service GmbH, die Umstellung der KVGen auf die neuen Vorschriften als „durchwachsen“. Immerhin: Alle KVGen hätten sich Mühe gegeben und insgesamt einigermaßen ordentliche Unterlagen abgeliefert, sagt er. Im Detail besteht aber noch einiger Nachjustierungsbedarf, auch bei den Kostendarstellungen.

Noch deutlich kritischer äußert sich Helmut Schulz-Jodexnis, Leiter des Bereichs Sachwertanlagen beim Vertrieb Jung, DMS & Cie. (JDC). Er habe nur für einen Teil der Produkte – AIFs und Vermögensanlagen – überhaupt die erforderlichen Informationen erhalten.

Die anderen Produkte sind bis auf Weiteres vom Vertrieb des JDC-Haftungsdachs ausgenommen. Auch bei den verbleibenden Anbietern seien die Darstellung und die Maßstäbe nicht einheitlich, bemängelt Schulz-Jodexnis. So nehmen einige KVGen die Zielmarktbestimmung verbal vor, andere tabellarisch. Das erschwert die notwendige „Übersetzung“ in eine einheitliche Matrix.

Seite 3: Unterschiedliche (Selbst-)Wahrnehmung

Nun ist bei einem Regulierungs-Ungetüm wie der MiFID II sicherlich nicht zu erwarten, dass alles vom ersten Tag an völlig reibungslos funktioniert. Bedenklich allerdings ist die – von Ausnahmen sicherlich abgesehen – unterschiedliche (Selbst-)Wahrnehmung von Anbietern und Vertrieb. Sie lässt darauf schließen, dass die erforderliche ausgeprägte Kommunikation zwischen beiden noch nicht in allen Bereichen zu 100 Prozent etabliert ist, um es vorsichtig auszudrücken.

In Hinblick auf die Kostentransparenz und die generellen Kriterien für die Zielmarktbestimmung wird sich in den nächsten Wochen und Monaten sicherlich noch einiges zurechtruckeln. Als deutlich problematischer könnte sich die Risikoklassifizierung erweisen.

So verwendet JDC unabhängig von der Selbsteinschätzung der KVG eine siebenstufige Risikoskala, auf der die AIFs in der Regel in Klasse sechs landen. Netfonds hat zwar wie der ehemalige BSI fünf Risikoklassen, nimmt aber ebenfalls eine eigene Einstufung vor – fast immer in Klasse vier oder fünf. Damit sind beide Vertriebe wohl nicht die Einzigen.

Eigene Einstufung durch Institute

Den KVGen ist also überhaupt nicht geholfen, wenn sie sich selbst schön rechnen und etwa die eigene Einstufung in Klasse drei von fünf vornehmen und diese dann auch noch mir nichts, dir nichts in Klasse drei von sieben „übersetzen“. Die KWG-Institute nehmen ohnehin eine eigene Einstufung vor. Sie sind sicherlich auch in der Lage, die Zielmarktbestimmung der KVG durch eigene Kriterien rechtskonform zu präzisieren.

Anders verhält es sich beim freien Vertrieb mit Zulassung nach Paragraf 34f Gewerbeordnung. Sofern er nicht per Groko-Handstreich ohnehin abgeschafft wird, wird auch er um die Vorschriften zur Zielmarktbestimmung und Risikoklassifizierung sowie zur Kostentransparenz nicht herumkommen.

Spätestens nach der überfälligen Neufassung der Finanzanlagenvermittlungsverordnung (FinVermV) für die 34f-Vermittler müssen die Unterlagen und Einstufungen der Anbieter „sitzen“, also ohne weitere Anpassungen verwendbar sein.

Denn angesichts der unzähligen neuen Vorschriften dürften die meisten freien Finanzdienstleister mit einer rechtlich einwandfreien eigenen Präzisierung oder gar Korrektur der erhaltenen Informationen heillos überfordert sein. Insofern könnte die verzögerte MiFID-II-Umsetzung für den freien Vertrieb auch ihr Gutes haben: Sie lässt Zeit für einen entsprechenden Lernprozess der Anbieter.

Lesen Sie den ganzen Artikel über die MiFID-II-Umsetzung in der aktuellen Cash.-Ausgabe 3/2018 (ab Donnerstag, 22. Februar im Handel).

Stefan Löwer ist Chefanalyst von G.U.B. Analyse und betreut das Cash.-Ressort Sachwertanlagen. Er beobachtet den Markt der Sachwert-Emissionen als Cash.-Redakteur und G.U.B.-Analyst insgesamt schon seit mehr als 25 Jahren. G.U.B. Analyse gehört wie Cash. zu der Cash.Medien AG.

Foto: Florian Sonntag