Montag, 16. März 2015

BGH: Für Dummheit zahlt nur der Vertrieb

Es ist kaum zu fassen, wie leichtfertig manche Anleger mit ihrem Geld umgehen. Doch am Ende ist nur einer schuld: Der Vertrieb. Der Löwer-Kommentar

Mit dem in der vergangenen Woche veröffentlichten Urteil zur Vertriebshaftung hatte der BGH über einen Fall zu entscheiden, bei dem der Kläger im Jahr 2003 nicht weniger als 150.000 Euro plus 9.000 Euro Agio in eine atypisch stille Beteiligung an einem Autoleasing-Unternehmen investiert hatte, die dann zu Verlusten führte.

Trotz der hohen Summe hatte der Anleger sich anscheinend nicht die Mühe gemacht, sich näher mit dem Konzept, das der BGH zu den geschlossenen Fonds zählt, zu befassen. Vielmehr hatte er den Betrag im (damaligen) Wert eines kleinen Reihenhauses offenbar hauptsächlich auf Basis der vollmundigen Versprechen des Vermittlers investiert. Jedenfalls behauptet er das heute. Dass er sich damit als ziemlich dämlich outet, scheint ihn nicht zu stören.

Der vom Gericht als Berater eingestufte Vermittler habe angegeben, es handele sich um „eine perfekte und absolut sichere Anlage für das Anlageziel der Altersvorsorge, die prognostisch zwölf Prozent pro Jahr abwerfe“, so der Vorwurf des Anlegers. Zudem sei er unter anderem nicht ausreichend über die spezifischen Risiken, insbesondere das Totalverlustrisiko, aufgeklärt worden und habe den Prospekt nicht erhalten.

Ob Groß- oder Kleinanleger spielt keine Rolle

Wenn der Finanzdienstleister tatsächlich so agiert hat, haben sich offenbar beide – Anleger und Vertrieb – reichlich dumm verhalten. Das hatte auch das Oberlandesgericht Frankfurt so gesehen. Es hatte dem Kläger zwar grundsätzlich Schadenersatz zugesprochen, den Anspruch aber um 50 Prozent gekürzt, weil der Anleger sich „besonders leichtfertig“ verhalten habe und deshalb eine Mitschuld trage.

Das wischte der BGH nun vom Tisch und sprach dem Kläger vollen Schadenersatz zu. Er sei nicht weniger schutzwürdig als andere Anleger, die auf die Richtigkeit und Vollständigkeit der ihnen zuteil gewordenen Beratung vertraut haben, so die obersten Richter. Ausbaden muss die Sache also einmal mehr allein der Vertrieb.

Daran ändert weder die hohe Anlagesumme noch der Umstand etwas, dass der Anleger „mehrfacher Grundeigentümer“ und damit wohl nicht völlig unerfahren in geschäftlichen Dingen war. Ob Groß- oder Kleinanleger spielt demnach bei der Vertriebshaftung keine Rolle.

Vom Investor zum Volltrottel

Nun ist schon seit längerem klar, dass der Vertrieb (unter anderem) Risiken nicht schön reden und unternehmerische Beteiligungen nicht für die Altersvorsorge empfehlen darf sowie den Prospekt auf Plausibilität prüfen und ihn rechtzeitig übergeben muss. Außerdem muss das Ganze zum Anleger passen, akribisch protokolliert werden und selbst wenn der Anleger bestimmte Informationen gar nicht haben will, muss er sie erhalten.

Das Urteil führt vor Augen, dass dies auch bei größeren Anlagesummen und vermeintlich erfahrenen Geschäftspartnern gilt. Nur auf die schnelle Provision zu schielen, die im vorliegenden Fall sicherlich um die 18.000 Euro betragen haben dürfte, kann fatale Folgen haben, die den Vermittler dann Jahre später einholen.

Denn eines muss jedem Finanzdienstleister klar sein: Geht die Sache schief, sind sich auch gestandene Anleger im Zweifel nicht zu schade, sich vor Gericht zu naiven Volltrotteln zu erklären, um die Folgen ihrer Fehlentscheidungen auf andere abzuwälzen.

Stefan Löwer ist Chefanalyst von G.U.B. Analyse und beobachtet den Markt der Sachwertanlagen als Cash.-Redakteur und G.U.B.-Analyst insgesamt schon seit mehr als 20 Jahren. G.U.B. Analyse gehört wie Cash. und Cash.Online zu der Cash.Medien AG, Hamburg.